Montag, 4. Oktober 2010

Wie man mit einem Super-GAU umgeht

Der größte anzunehmende Unfall ist nun laut Uli Hoeneß passiert.

Die Mannschaft hat nach der Niederlage in Dortmund 13 Punkte Rückstand auf Tabellenführer Mainz, auf den Zweiten Dortmund sind es auch schon 10 Punkte. Die Mannschaft wirkt vollkommen verunsichert und egal wo man momentan hinhört: Ratlosigkeit, Wut, Ernüchterung. Das sind aktuell die Primärfarben in einem erschreckenden Selbstportrait des bayerischen Rekordmeisters.

Hätte ich gestern direkt nach dem Spiel gebloggt, hätte sich das nach Weltuntergang angehört. Nach einer Nacht Schlaf kann ich die Situation schon etwas nüchterner betrachten und geeignete Angriffspunkte für das bayerische Krisenmanagement identifizieren.

1. Problem: Verunsicherung
Vor ein paar Wochen war ich noch vorsichtig optimistisch, dass die Mannschaft sich nach der Vorbereitung fangen wird. Dieser Optimismus ist mittlerweile nicht mehr vorhanden. Das Saisonziel Meisterschaft ist angesichts der bisherigen Leistungen gar kein Thema mehr. Wenn wir so weiterspielen, wird der internationale Wettbewerb verpasst. So schlimm dieser Gedanke gestern war, so sehr wäre eine reinigende Wirkung einer international spielfreien Saison zu begrüßen. Auch wenn solche Saisons immer schmerzhaft sind.

Der riesige Graben zwischen Anspruch und Wirklichkeit beschäftigt die Spieler zusehends. Nach dem 0:2 durch Nuri Sahin war die Mannschaft einfach nur ratlos. Sie glaubte zu diesem Zeitpunkt nicht mal mehr an einen Punkt. Das hat sicherlich nicht nur mir in der Fanseele weh getan.

Ich behaupte einfach mal, dass es den Spielern genau so weh tut. Doch aktuell haben sie nicht den Geist, den es zum Überstehen einer solchen Situation benötigt. Dieser Geist muss durch ein paar dreckige Siege und eins, zwei Schlüsselerlebnisse wieder zum Leben erweckt werden. Dass der mediale Druck dies beschleunigt, hoffen viele, ist jedoch unwahrscheinlich.Auch wenn man als Profi mit den Medien klar kommen muss.

Louis van Gaal macht das sehr richtig, wenn er sich vor seine Mannschaft stellt. Noch mehr Verunsicherung in der Mannschaft in dieser ungewohnten Situation ist nicht förderlich. Gerade jetzt braucht die Mannschaft die Unterstützung, damit eine Leistungssteigerung und oder -explosion stattfinden kann.

2. Problem: Verletzungen und Transfers
Aktuell ist man Opfer einer minimalistischen Transfer-Politik. Nach einer grandiosen Vorsaison wurde wie in das vorhandene Personal vertraut. Anhand des Durschschnittsalters unserer Truppe ist dieser Gedanke nachvollziehbar und ich bin auch ein großer Befürworter des ausgesprochenen Vertrauens.

Eine punktuelle Verstärkung in der Abwehr und auf der linken Seite wäre trotzdem notwendig gewesen, wie man jetzt sieht. Natürlich konnte man nicht damit rechnen, dass Arjen und Franck schon wieder so lange außer Gefecht sind. Gleichwertigen Ersatz findet man nicht zum akzeptablen Preis, behaupte ich mal. Wer setzt sich bei ähnlicher Klasse schon gerne auf die Bank beim FC Bayern. (By the way: Und jetzt kommst du ins Spiel, liebe Scouting-Abteilung...)

Doch auch diese Ausfälle haben ihr gutes. Die Schwächen, die schon vor Arjens Ankunft hier in München da waren, werden nun gnadenlos aufgedeckt. Man ist verleitet zu denken, dass seit einem Jahr keine Entwicklung statt gefunden hat und sich unsere Mannschaft im großen Robben-Schatten verkrochen hat. Und in der Tat: Die Mannschaft hat ohne Arjen nur ca. ein Drittel(!) ihrer Spiele gewonnen. So zumindest die Aussage gestern im Nachbericht.

Im Winter werden die Baustellen im Kader hoffentlich korrigiert, möchte man nicht auch das internationale Geschäft gefährden. Schade ist es, dass dafür so ein Weckruf erforderlich ist. Hier ist Nerlinger noch zu wenig Autorität zwischen all den großen Persönlichkeiten in München. Sonst hätte ein Mittelweg zwischen van Gaal'schem Minimalismus und bayerischer Mentalität gegangen werden können.

Aber Lernprozesse finden nicht nur bei Spielern, sondern auch im Management statt. Und eine Lektion für Herrn Nerlinger sollte lauten: Gerade wenn man Erfolg hat, sollte die Kriegskasse nicht prinzipiell versiegelt werden.

3. Problem: Taktik verpufft
Unser Louis ist aktuell nicht zu beneiden, wenn es um den Bereich Taktik und Aufstellung geht. Egal was momentan versucht wird, sei es Schweinsteiger auf der 10, Gomez in der Spitze, Pranjic auf der sechs oder Braafheid als linker Verteidiger. Diese Umstellungen bringen nichts, solange die Mannschaft nicht an die Schmerzgrenze geht. Ohne diesen unbedingten Willen, hilft es nichts, wenn die Mannschaft theoretisch weiß, wie sie spielen soll. Dann reicht es dem Gegner, wenn er gut verschiebt und im Mittelfeld dicht steht. Ohne Laufbereitschaft keine Anspielstationen.

Natürlich ist eine Systemänderung auf ein 4-4-2  mit Raute denkbar, aber auch so ein System will eingeübt werden. Und mit unserer aktuellen Wackelabwehr die Doppelsechs aufgeben? Never ever. In meinen Augen ein zu großes Risiko, das Spielsystem jetzt so grundlegend zu ändern. Auch wenn ich nach wie vor nicht nachfvollziehen kann, warum Kroos nicht auf der 10 spielt.

Mario Gomez hat mir gestern übrigens als einziger richtig gut gefallen. Pech war dabei, aber er hat Alarm gemacht wie keiner in dieser Saison da vorne. Gomez muss drin bleiben!

Eine eingespielte Mannschaft konnte sich auch aufgrund der aktuellen Verletzungsmisere noch nicht bilden. Andererseits erwarte ich ich, dass sich eine solche Eingespieltheit relativ schnell einstellt, wenn eine Mannschaft die gesamte letzte Saison mit solchen Ausfällen klar kommen musste und auch im Sommer mehr oder weniger zusammen eine WM gespielt hat. Da kann so etwas keine Entschuldigung sein. Wenn man à la Felix M. die Mannschaft komplett auseinander reißt, ist das etwas anderes.

4. Problem: Selbstreflektion
Die letzte Saison war Gift für einige unserer Spieler. Das es so knüppeldick zurück kommt, hätte ich nicht erwartet. Dabei ist es all zu menschlich, dass man sich auf Erfolg ausruht und man sich wenn auch unterbewusst an diese Erfolgssituation gewöhnt. Leistung und Anspruch driften bei einigen Spielern jetzt sehr weit auseinander.

Wenn ein Demichelis mit solch einer Leistung wie gestern ernsthaft einen Stammplatz beansprucht, fehlt nun mal die Selbstreflektion. Hatte ich vor ein paar Wochen noch gedacht, dass ein Demichelis aufgrund seiner Spieleröffnung der Mannschaft gut tun könnte, so denke ich jetzt, dass der Platz auf der Bank oder Tribüne goldrichtig ist. Er hat sich zumindest bei mir gestern die restlichen Sympathien verspielt. Ein Tymo macht das in der Innenverteidigung sicher nicht schlechter. Doch genug Einzelkritik.

Es liegt nun an den Spielern allein, diese Lücke zwischen Anspruch und Realität wieder zu schließen und hoffentlich in der Rückrunde in die Spitzengruppe der Bundesliga zurückzukehren. Bis dahin wird es leider ein steiniger Weg. Aktuell gibt es wenig, was Hoffnung auf bessere Zeiten macht.

Doch wie heißt es so schön: In guten wie in schlechten Zeiten...

Schließlich sind wir der FC Bayern und werden zurück kommen. Und wie.
blog comments powered by Disqus